Biographie - Ausstellungen - Texte

Joachim Kersten

 

Biographie

1953   geboren in Bamberg
1981-1987   Akademie der Bildenden Künste, Nürnberg bei Prof. Ernst Weil, Prof. Christine Colditz und Prof. Georg Karl Pfahler
  Meisterschüler bei Prof. Pfahler
1991   Debütantenpreis des Bayer. Staatsministeriums für Erziehung und Wissenschaft
1993-1994   Stipendium des Bemis Center for Contemporary Arts, Omaha, Nebraska, USA
1998   Atelier in Fort Worth, TX
2006-2007   Atlanta, Georgia, USA
Projekt der Städtepartnerschaft Nürnberg - Atlanta
2008   Kunstmeile Krems: Artist in Residence, Juli/August, Krems an der Donau, Österreich
2011-2012   Bayerisches Atelierförderungsprogramm, Projektförderung
 

Ausstellungen

    Einzelausstellungen / Auswahl
     
1988   Galerie Studio, Städt. Sammlungen Schweinfurt
    Albrecht-Dürer-Gesellschaft,Kunstverein Nürnberg (K)
    Palais de la Berbie, Albi, Frankreich
1989   Galerie Golart, München
1991   Kunsthaus Nürnberg,
Debütantenausstellung (mit R. Funk) (K)
    Kunsthalle, Zellingen
    Galerie für Neue Kunst, Amberg
1992   Galerie Schenk, Haßfurt
1993   Interim-Galerie, Nürnberg
1994   Bemis Center for Contemporary Arts, Omaha, NE, USA (mit J. Mannino) (K)
    Kohlenhof, Institut für ästhetische Grenzbereiche, Nürnberg
1996   Galerie Schenk, Eltmann
1999   Galerie 40, Christine Rother, Wiesbaden
2000   marquardt Ausstellungen, München (K)
2001   Galerie Seeling, Fürth (K)
2002   Galerie in der Schulgasse, Eibelstadt
    Arabesque", William Campbell Cont.Art, Fort Worth,TX
2003   Galerie Kunst + , Bad Neustadt
2004   ac.t art, A&A Goettert, Zirndorf (mit A. Bien)
    "Mäander", Kunstraum Sterngasse, Nürnberg
(mit S. Harrington)
    Labyrinthe, Caritas-Krankenhaus St. Josef, Regensburg
2005   Fries Rechtsanwälte, Bamberg
    "vorwiegend heiter", Dizzy`s Galerie, Nürnberg (mit Roland Beck)
    "Labyrinthe", Eckstein – Haus der ev-luth. Kirche, Nürnberg
2006   Layers and Allusions, Universität of Dallas,TX, Haggerty Gallery (mit R.Lange)
    KIK 5, -04- Klinikum Nürnberg Nord,Med.Klinik 5, (mit Rainer Funk)
   

DIGITALIS PURPUREA : Städtische Museen und Kunstverein Schweinfurt (K)

2007   DIGITALIS PURPUREA : Schloß Almoshof, Nürnberg, Kunstverein Coburg
    William Campbell Contemporary Art, Fort Worth,TX
    Gallery MASON MURER Fine Art, Atlanta,GA
2008   Galerie Seeling, Fürth "Spiegellichter"
2009   "Spiegellichter", Kreisgalerie Mellrichstadt
ZF Sachs, Schweinfurt
2010   OPEN SKY Galerie der Sparkasse Ostunterfranken, Haßfurt
2011   William Campbell Contemporary Art, Fort Worth, TX, Allison Beadles Fine Art, Carbondale, Colorado
2012   Galerie Maria Kreuzer, Amorbach
2015   Spielfeld, event galerie, Schweinfurt
2016   Spielfeld, Galleria Del Carbone, Ferrara, Italien
    Aryballoi, Neue Galerie Kunstverein, Erlangen
     
    Gruppenausstellungen / Auswahl
   
1983   Kunstverein, Bayreuth
1985   Sechs Maler, Städt. Sammlungen Schweinfurt
1987   Nürnberg in Glasgow, McLellan Galleries
    Kunstverein Erlangen
1988   Consument-Art, Nürnberg
1989   Raus, Absolventen der Kunstakademie, Nürnberg
    Fränkische Kunst '89, Krakau (Polen), Gera, Nürnberg, Skopje (Mazedonien)
    Gruppe Schweinfurter Künstler, Altes Rathaus, Schweinfurt
1990/92   ART Nürnberg
1993   Kunstverein Erlangen
    KunstRaum Franken, Nürnberg
    DIN - Art, Interim-Galerie, Nürnberg
1995   Schitag AG, Nürnberg
1996   Galerie Neue Kunst, Amberg
    Kunsthalle Zellingen
    "everybody's darling", Kunsthaus Nürnberg
1997   KunstRaum Franken, Nürnberg, Skopje (Mazedonien)
1998   Bayerische Kunst unserer Tage, Bratislava (Slovakei)
1999   Kunsthaus Nürnberg (mit C. Endres, A. Haberbosch,
U. Schein)
    marquardt Ausstellungen, München: "Gelb, Rot, Blau"
2000   Galerie für Zeitkunst, A.Grimm-Beickert, Bamberg "Auftakt", "Heimspiel"
2001   marquardt Ausstellungen, München: "Die Farbe Weiss"
2002   Galerie in Zabo, Dizzy Nürnberger, Nürnberg: "divers - optimal"
    Galerie für Zeitkunst, A. Grimm-Beickert, Bamberg:"BlaueBilder"
2003   Spring Gallery Night, W.Campbell Contemp.Art Fort Worth,TX
    Festival Art on the Ages Edge, Kharkiv (Ukraine)
    "Abstraction or Search of Regularity"
    positionen + tendenzen Kunst in Franken 2003, Nürnberg, Fürth, Erlangen
2004   KUNSTPLATZ Sigmundstraße, Nürnberg
2006   man-i-fest , William Campbell Contemp.Art Fort Worth,TX
    "Tod" Eckstein, Haus der ev.-luth.Kirche, Nürnberg
2008   Art Santa Fe, USA mit William Campbell Contemp.Art
    KIK off, Abschlußausstellung, Klinikum Nürnberg Nord
    "Glück", Gustav-Adolf-Kirche, Nürnberg Lichtenhof
2009   KUK, Caritas Krankenhaus St. Josef, RegensburgStadt(ver)führungen, Nürnberg
Art Santa Fe, USA, mit William Campbell
Contemporary Art
2012   Ten Years Later, mit Thomas Egerer, Roger Libesch,
Wolf Sakowski, Ralf Siegemund
Kunstmühle Mürsbach
2013   Fünfraumzeit, Otyam Galerie, Antalya, Türkei
2014   Pentode, Neuer Kunstverein Worpswede
    vier; Nürnberger Haus u. Deutsches General Konsulat Krakau, Polen
2015   Kleintierhandlung; Galerina Steiner, Berlin
2016   lights & liquids; Kunstmuseum Erlangen
   
    Sammlungen / Auswahl
     
    Staatsgemälde Sammlung, München
    Museen und Galerien der Stadt Schweinfurt
    Bezirk Mittelfranken, Ansbach
    Staatliches Landbauamt, Nürnberg
    Bezirksfinanzdirektion, Nürnberg
    Deutsche Telekom AG, München
    Industrie- und Handelskammer, Nürnberg
    Texas Christian University, Fort Worth,TX
    HypoVereinsbank, Fürth
    Sparkasse, Nürnberg
    SchmidtBank Zentrale, Hof/Saale
    KPMG, Bayerische Treuhandgesellschaft AG, Nürnberg
    De Te Immobilien, Nürnberg
    Universa Versicherungen, Nürnberg
    Artothek, Nürnberg
    Caritas Krankenhaus St. Josef, Regensburg
     
    und weitere Sammlungen in Deutschland, Frankreich, Polen, Österreich, USA

 

Texte

Joachim Kersten: "Aryballoi"
Ausstellung in der Neuen Galerie des Kunstvereins Erlangen e.V.
Einführung von Barbara Leicht M.A.

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

Aryballoi – ein eher ungewöhnlicher Titel, den Joachim Kersten für seine Ausstellung gewählt hat. Das griechisch-antike Wort bedeutet Salbgefäße (im Singular Aryballos). Diese kleinen Ampullen bargen wertvolle Öle und Essenzen, im heutigen Sinne also teure Kosmetik, mit der sich die (männlichen) Athleten pflegten und gewiss auch parfümierten. Warum nun wählt der Maler Kersten gerade diesen Titel?

Gewissermaßen findet er in dieser Begrifflichkeit einen Brückenschlag zwischen der Antike und dem 21. Jahrhundert. Bis heute ist der Mensch Getriebener seines beruflichen oder athletischen Ehrgeizes und seines ewigen Strebens nach Erfolg geblieben – im Großen und Ganzen hat sich der Mensch also nicht verändert. Er quält sich, egal ob im Training oder im Job, um sich zu verbessern, was ihm oft nicht in dem Maße gelingt, wie er sich's wünschte.

Auch König Sisyphos quält sich ewig, um seiner Taten zu büßen, in dem er in der Unterwelt einen großen Felsbrocken den Berg hinauf rollen muss. Immer wieder rollt dieser hinunter und er muss von Neuem beginnen. Der König salbt sich aus einem Aryballos und macht weiter. Manchmal – so wird es vielen Künstlern gehen, fühlt sich Joachim Kersten wie der antike König. Thematisiert hat er diesen in etlichen seiner Serien. Das Sisyphos-Motiv trägt eher persönliche Hintergründe, denn es hat mit der täglichen Arbeit im Atelier zu tun und dem Selbstmanagement des Künstlers, der schließlich von seiner Kunst zu leben versucht. Und das ist in den allermeisten Fällen in der Tat eine Sisyphosarbeit.
In dieser Schau kann die koloristische Auseinandersetzung des Malers mit dem imaginären Inhalt eines solchen Salbgefäßes und dessen Form wahrgenommen werden.

Kersten "beduftet" die Besucher jedoch nicht, sondern er führt ihnen seine intensive Beschäftigung mit dem Fließen von Flüssigkeiten und Leuchten der Farben vor Augen. Nicht empirisch, sondern künstlerisch erforscht er die Reaktion von Acrylfarben und mit leuchtenden Pigmenten versetztem Schellack in seinen Farbräumen.

Der Künstler arbeitet an der Schnittstelle von reinem Kolorismus zu konstruktiver zu gegenständlicher Kunst. Mit dieser ineinander verfließenden Form- und Farbsprache hat er sich eine authentische Handschrift erarbeitet, die seine Arbeiten unverkennbar werden lässt.
Einige Formen seines Oeuvres stammen aus der Objektwelt, im Falle dieser Schau der kugelbauchige Aryballos.

Diese Gefäße faszinieren ihn und so fügt er sie ein in seine Farbräume. Hier muten sie bald an wie Kleinstlebewesen aus dem Reich des Planktons oder wie Moleküle. Und tatsächlich scheint eine still anmutende Suche nach dem Ursprung in Kerstens Werk immanent zu sein. Er erforscht den Kosmos auf seine kreative und ästhetisch-bildnerische Weise.

Den Aryballos selbst kennt man etwa seit dem 7. vorchristlichen Jahrhundert in einer ungeheuren Bandbreite von Variationen, in Keramik oder Glas. Besonders die gläsernen Aryballoi haben es Joachim Kersten angetan. Er diskutiert verschiedenste Gestaltungsmöglichkeiten dieser Behältnisse. Sie tauchen als tropfenförmige Anmutungen in vielen Werken auf und vermitteln die Viskosität der Flüssigkeiten, die sie bergen. Beim Betrachten der Werke fühlt man sich von langsam verrinnender Zeit getragen.

Kerstens künstlerische Diskussionen um die Form des Gefäßes und um seine Inhalte münden in malerisch strukturierten oder sehr offenen Bildwelten. Dabei gelingt es ihm Form und Reaktion zum einen zu steuern, zum anderen den Zufall als Gestaltungsmittel zu nutzen. Immer jedoch – und das ist ein wesentliches Merkmal der Handschrift Kerstens, zeigen sich leuchtende Farben, die das Trägermaterial als gestalterisches Element verwenden. Im Falle des Schellacks entstehen Craquelés, die reizvolle Bilder erzeugen, vom Zufall gesteuert, aber intuitiv von Kersten angelegt.
In der Installation "Aryballoi-Archiv" kulminieren die Inhalte seiner Malerei zu einer zart klingenden Schau der Stofflichkeiten, die Kersten ihrer Schwere enthebt. Fantasiereiche Formen in weiß-transparentem Glas (entstanden in Zusammenarbeit mit Cornelius Reer, dem Nürnberger Glasbläser), lassen den Rapport des tapezierten Hintergrundes durchscheinen. Dieser basiert auf einem in diesem Falle hellgrundigen Gemälde, das genau die Eigenschaften der aufeinander chemisch reagierenden Materialien verdeutlicht. Die in den Gemälden angedeuteten Gefäße treten hier heraus und materialisieren sich als poetische Anmutungen.

Wertvolle Öle auf der Haut der Athleten, wertvolle Pigmente auf der Leinwand des Künstlers. Er findet eine neue Verwendung für die Salbgefäße und stellt seine fiktiven, reduzierten Formen inmitten leuchtender Farben dar.

Kersten schöpft eine Vielzahl von Möglichkeiten aus, lässt Farben kontrastieren und Materialien reagieren. Gewissermaßen fungieren die malerischen Konstruktionen als Spielfelder für seinen Impetus und seine Lust, sich dem Fließen der Farbe zu widmen. Er lebt in einer ganz eigenen, imaginären, aber wunderbar ästhetischen Welt, einer Welt, die irgendwo zwischen einem Makro- und einem Mikrokosmos, zwischen Organischem und Anorganischem schwebt und die nur ein Künstler so vor seinem inneren Auge sehen kann. Plasma, Emulsionen und vieles andere wird in dieser Welt kreiert.

In seiner Malerei – Sisyphos hin oder her – zeigt Joachim Kersten sein historisches und wissenschaftliches Interesse und kann der Freude an der Farbe, ihren Klängen und ihrem atmosphärischen Vermögen nicht widerstehen und so "quält" er sich gut und gerne.

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Open Sky
Ausstellung mit Arbeiten von Joachim Kersten
in der Sparkasse Haßfurt

Vernissage am 15. Juni 2010, 19 Uhr

Für diese Ausstellung unter dem Titel "Open Sky" hat Joachim Kersten Arbeiten aus verschiedenen Werkzyklen der letzten acht Jahre zusammengestellt, großformatige Leinwände und eine Reihe von kleineren Papierarbeiten, darunter auch einige aus jüngster Zeit, die in Fort Worth in Texas entstanden sind, wo der Maler abwechselnd mit Nürnberg seit einigen Jahren wohnt und arbeitet. Hier lässt sich also besichtigen, wo Kersten auf seiner Reise zu den Sternen angelangt ist. Und wir können überprüfen, inwieweit sich "Open Sky" als Leitbegriff eines freien, künstlerischen Selbstverständnisses lesen lässt, das mit gelinder Hybris an nichts weniger als am offenen Himmel Maß zu nehmen gewillt ist.

Versuchen wir uns diesen Arbeiten zunächst einmal schlicht re-gistrierend zu nähern.

Der allererste Eindruck, den sie hervorrufen, ist noch allemal der einer überaus vitalen Farbigkeit, ja einer opulenten Farbenpracht. Virtuose Akkorde aus Gelb-, Orange- und Rottönen dominieren viele Arbeiten in immer neuen Brechungen und Variationen, dazwischen flammt hier ein irisierendes Grün, dort ein kantig auftrotzendes Nachtblau auf, verschiedentlich schwimmt uns ein mal teeriges, mal glasiges Schellack-Braun entgegen.

So kraftvoll und energisch sie auch alle daherzukommen scheinen, diese Farben, so feinst gewebt, ja geradezu fragil und skrupulös sind sie doch en detail zusammengesetzt, als ginge es darum, in ihnen immer auch zugleich ihren colorischen Widerpart oder gleich die ganze komplexe Vielfalt ihrer kombinatorischen Möglichkeiten anklingen zu lassen, sie gewissermaßen sicht- und nachvollziehbar auf mögliche Resonanzfelder hin abzuklopfen, bis sich vor den kritischen Augen des Malers schlussendlich der einzig stimmige Farbakkord einstellt.

Wer die Bilder im Original vor Augen hat, ist eindeutig im Vorteil. Er kann näher herantreten, seine Nase tief in die Bilder stecken und dabei erkennen, dass all diese Farbflächen alles andere als homogen sind. Kein Farbton lebt, existiert und leuchtet hier nur aus sich selbst, alles changiert in fein nuancierten Ab- und Kontertönungen, in multiplen Schichtungen und Untermischungen, die gelegentlich noch einen ausholenden Pinselgestus erkennen lassen, weitaus häufiger aber Zeugnis ablegen für das geduldige Wechselspiel aus wiederholtem Auftragen und Wegnehmen, Verstärken und Abschwächen, aus dem heraus Joachim Kersten in konzentrierter, stratigraphischer,gewissermaßen kontra-archäologischer Arbeit seine Farblandschaften entwickelt. Diese Arbeitsweise hinterlässt ihre Spuren und ihre subtilen Wirkungen. Hier ist Zeit im sprich-wörtlichen wie im übertragenen Sinne in eine Tiefe des Raumes transformiert, aus der es gerne einmal wie von ferne konträrsuggestiv schimmert.

Wenn man ohnehin nahegekommen ist, lohnt sich ein Blick auf ein weiteres Charakteristikum Kerstenscher Malerei: Den plastisch präparierten Untergrund, auf dem sich alles Farbenspiel ereignet. Joachim Kersten bindet Strahlsand mit Acryl und bringt damit noch vor dem Farbauftrag flache Landschaftsreliefs auf seinen Leinwänden auf, denen er, wenn es ihm dann doch zu bunt wird, auch einmal mit der Flex wieder verdünnisierend zu Leibe rückt, um anschließend bei Bedarf dann doch eine zweite oder auch noch eine dritte Lage aufzutragen. So entsteht ein handgreiflicher, konkreter Plafond, der vielfache und ganz widersprüchliche Wirkung zeigt. Er verfängt und verortet die lichte Räumlichkeit der Bilder, er untermauert und unterputzt sie grundsolide und durchdringt sie zugleich leichthin, er rauht die Bilder vitalisierend auf und bringt leichter Hand eine – malerisch motivierte – zusätzliche Dimension ins Bild, die, je nach Lichteinfall, die Bilder, ihre Stofflichkeit und den Grad ihrer Transluzenz dramatisch verändert. Licht- und Schattenverläufe, Wechsel aus groben und feinen Konturen heben
und dämpfen Bildbereiche und setzen dabei ganz eigenwillige, stets neue Akzente in die farbigen Landschaften. Sie begrenzen den Bildraum in der Tiefe, brechen ihn zugleich durchdringend auf und formen ihn dabei um. Sie akzentuieren einerseits jede winzige Parzelle und sorgen gleichzeitig in der großen Fläche für ebenmäßigen Halt und Grund.

Ein Weiteres sei erwähnt: Das Wechselspiel von spiegelglänzenden und stumpfen, planen und erhabenen, verschiedentlich wie von beißender Säure erodierten Figuren, das Kersten mit einer speziellen Verarbeitung diverser Schellack-Harze in seine Werke einfügt. Auch sie multiplizieren die Bildwirkung. Wo eben aus der Ferne noch ein bestimmtes Muster aus Lichtreflexen vorherrscht, leuchtet schon zwei Schritte weiter ein ganz anderes auf und verändert so den gesamten Bildeindruck.

Joachim Kersten versteht es, die Ausbeutung aller verfügbaren malerischen Mittel ebenso subtil wie konsequent auf die Spitze zu treiben. Hier feuert Malerei aus allen Rohren. Diese Arbeiten in nur einem Licht, nur aus einem Blickwinkel gesehen zu haben, heißt daher schlicht, sie nicht gesehen zu haben. Jeder Fotograf verzweifelt an dieser Multiperspektivik der Kerstenschen Malerei. Daher nochmals: Wer das Glück hat, Originale vor die Augen zu bekommen, mache davon rege Gebrauch.

All das, was wir bislang isolierend betrachtet haben, Farben, Texturen, Profilierungen, unterliegt in Joachim Kerstens Malerei nun ganz offenkundig einem auf elementare Grundprinzipien zurückgreifenden, diese aber vielfältig variierenden Raumplan, einer klaren, inneren Ordnung. Der wohlbedacht geteilte, oftmals streifig vertikal oder horizontal geschichtete Bildraum, die dabei häufig anzutreffende Hell-Dunkel-Kontrapunktik, die mal quer, mal hochkant, mal herrisch, mal filigran ins Bild ragenden Balken, Streben und Linien, die häufig schroff, manchmal auch verschwimmend gegeneinander gesetzten Flächen (aus Farbe und Oberflächentextur gleichermaßen gewonnen), auch das Spiel mit extremen oder mehrteiligen Formaten – das alles sind bestimmende Konstruktionsprinzipien in der Malerei Joachim Kerstens. Schlichte Gebäudeschemata gibt es freilich nicht. Die konstruktive Ordnung dient auch nirgends nur sich selbst, sondern stets übergeordneten malerischen Zwecken, der Aufladung der Bilder mit einer vitalen inneren Spannung, der Verräumlichung und Verlebendigung des Bildgeschehens. "Pulsieren statt Konstruktion, Farbklang statt Addition" hat Joachim Kersten in seinem Skizzenbuch dazu notiert und damit das für ihn Wesentliche knapp benannt.

In diese fein gefügten virtuellen Räume, die Kersten mit anscheindend nie erlahmender Kraft wieder und wieder (und dabei immer neu) erbaut, sind verschiedentlich Figuren gestellt, wie frei schwebende Organismen in sie hineinverwoben oder aus ihnen erwachsend, "Arabesken" gleich (um einen einst gern von ihm verwendeten Titelterminus zu benutzen), Bruchstücke womöglich floraler oder botanischer Provenienz, manchmal in geradezu körperlicher Andeutung, die, ohne die Bilder ernsthaft zu vergegenständlichen, doch als Reminiszenzen an eine äußere Natur lesbar sind, Haltepunkte für das streifende Auge, ein anamnestischer Widerschein einer dinghaften Außenwelt, doch dabei stets vorrangig von ihrer formalen Qualität im Bildganzen bestimmt. Im dem mit "Labyrinthe" überschriebenen Werkzyklus erscheinen runde Figuren in gedrängten Scharen und vielgestaltigen Aufzügen. Es sind hier durchweg aus der prinzipiellen Grundform von Kreis und Oval entwickelte, zu eingedellten Tropfen, Amphoren, Gefäßen permutierende Gebilde, die Kersten vor uns ausbreitet wie pretiöse, um nicht zu sagen kapriziöse, womöglich sogar maligne, jedenfalls mit einem verstörenden Eigenleben ausgestattete Archivalien, wie unter dem Mikroskop aus ihrer winzigen, fremden Welt ins durchscheinende Licht gezerrte zelluläre Organismen. Sie interagieren im diffusen Raum, frei neben-, hinter- und gegeneinander, manchmal auch durch Linien wie in einem fahle Sicherheiten spendenden Flussdiagramm in einer haltlos-hilflos scheinenden Ordnung aneinander gekettet – oder wäre es zutreffender, mit Blick auf den offenen Himmel von pulsierenden meteoritischen Himmelskörpern zu reden, Brocken aus Eis und Stein, die kalt und majestätisch ihre Bahnen ziehen?

Wie dem auch sei: In seinen besten Arbeiten gelingt es Joachim Kersten mühelos, einen Grad an malerischer Differenziertheit, Verlebendigung und Verdichtung zu erreichen, der es dem Betrachter gestattet, in ihnen in einem Moment höchst konzentrierter Wahrnehmung zu verweilen und von ihnen aus zu immer wieder neuen Aus- und Einblicken zu gelangen. Wenn man weiß, dass hochmittelalterliche Malerei und Illuminatorenkunst einer der speisenden Fixsterne am Kerstenschen Malerhimmel ist, so wird man nicht fehlgehen, in seinen bei aller Abstraktion hoch emotionalen und, wie ich persönlich finde, ausgesprochen (innen)welthaltigen Arbeiten säkulare Andachtsbilder zu sehen. Andacht, einmal ganz ohne religiösen Beigeschmack genommen, also attentio – die geistige Sammlung auf einen Gegenstand hin – wäre demnach auch der einzig richtige Modus, um ihnen zu begegnen. Diese Bilder wollen geduldig ergangen und ersehen sein. Sie lassen sich nicht im Vorübergehen erfassen und schon gar nicht erschöpfen. Am besten sollte man mit ihnen leben.

Dr. Hans-Jürgen Stahl, Kist

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Katalog Digitalis purpurea  2006

Wenn im Hochsommer der Rote Fingerhut in Lichtungen, an Waldrändern oder kultiviert, auch in Gärten blüht, faszinieren die hochwachsenden Blumen wegen ihrer üppigen Blütentrauben nicht nur die Kenner der heimischen Flora. Doch beim Anblick der außergewöhnlichen Pflanzen schwingt immer das Wissen um ihren janusköpfigen Charakter mit. Digitalis purpurea ist ein toxisches Gewächs und somit Gift- aber auch Heilpflanze, denn ihre Wirkung steht in direkter Abhängigkeit zur Dosierung.

Der im bayerischen Nürnberg und texanischen Fort Worth lebende und arbeitende Künstler Joachim Kersten hat den botanischen Namen des Roten Fingerhuts als Titel für seine Ausstellungssequenz gewählt, in der Arbeiten aus verschiedenen Werkgruppen der letzten Jahre gezeigt werden. Wie weit die Ambivalenz der Natur hier die Brücke zu den künstlerischen Arbeiten schlägt, der Titel der Ausstellung eine Allegorie für die Intention der gezeigten Objekte ist, mag die Auseinandersetzung mit ihnen und die daraus resultierende Wechselwirkung zeigen.

Die Ausstellungsreihe nimmt ihren Auftakt in Schweinfurt, das nicht nur auf Grund seines ehemaligen reichsstädtischen Status historisch mit Nürnberg verbunden ist. Ich freue mich, dass zu Beginn des kommenden Jahres die Ausstellung dann auch im Schloss Almoshof gezeigt werden kann. Dieser Ausstellungsort wird der Renaissancehalle des Alten Rathauses in Schweinfurt nicht nachstehen.

Dass - nach der Ausstellung in Coburg - die nächsten beiden Stationen des Ausstellungszyklus in den Vereinigten Staaten von Amerika liegen, ist eine herausragende Besonderheit. In Fort Worth, dem Wahlheimatort des Künstlers, und in Atlanta, der Partnerstadt Nürnbergs, werden die Arbeiten von Joachim Kersten im Anschluss zu sehen sein. Damit wird der Künstler und seine Exponate zum Botschafter unserer Stadt. Gerade ein solcher Austausch wird sicher stellen, dass der kulturelle Austausch mit unserer Partnerstadt hierdurch einen deutlichen Akzent erhält.

Ich danke Joachim Kersten für seine Funktion als Kulturbotschafter ebenso wie allen anderen vor unter hinter den Kulissen, die sowohl in unserem Land wie auch in den USA diese Präsentationen bewerkstelligen. Der Ausstellungsreihe selbst wünsche ich die ihr gebührenden Resonanz beim Publikum.

Prof. Dr. Julia Lehner, Kulturreferentin der Stadt Nürnberg, 2006