Biographie - Ausstellungen - Texte

Joachim Kersten

 

Biographie

1953   geboren in Bamberg
1981-1987   Akademie der Bildenden Künste, Nürnberg bei Prof. Ernst Weil, Prof. Christine Colditz und Prof. Georg Karl Pfahler
  Meisterschüler bei Prof. Pfahler
1991   Debütantenpreis des Bayer. Staatsministeriums für Erziehung und Wissenschaft
1993-1994   Stipendium des Bemis Center for Contemporary Arts, Omaha, Nebraska, USA
1998   Atelier in Fort Worth, TX
2006-2007   Atlanta, Georgia, USA
Projekt der Städtepartnerschaft Nürnberg - Atlanta
2008   Kunstmeile Krems: Artist in Residence, Juli/August, Krems an der Donau, Österreich
2011-2012   Bayerisches Atelierförderungsprogramm, Projektförderung
 

Ausstellungen

    Einzelausstellungen / Auswahl
     
1988   Galerie Studio, Städt. Sammlungen Schweinfurt
    Albrecht-Dürer-Gesellschaft,Kunstverein Nürnberg (K)
    Palais de la Berbie, Albi, Frankreich
1989   Galerie Golart, München
1991   Kunsthaus Nürnberg,
Debütantenausstellung (mit R. Funk) (K)
    Kunsthalle, Zellingen
    Galerie für Neue Kunst, Amberg
1992   Galerie Schenk, Haßfurt
1993   Interim-Galerie, Nürnberg
1994   Bemis Center for Contemporary Arts, Omaha, NE, USA (mit J. Mannino) (K)
    Kohlenhof, Institut für ästhetische Grenzbereiche, Nürnberg
1996   Galerie Schenk, Eltmann
1999   Galerie 40, Christine Rother, Wiesbaden
2000   marquardt Ausstellungen, München (K)
2001   Galerie Seeling, Fürth (K)
2002   Galerie in der Schulgasse, Eibelstadt
    Arabesque", William Campbell Cont.Art, Fort Worth,TX
2003   Galerie Kunst + , Bad Neustadt
2004   ac.t art, A&A Goettert, Zirndorf (mit A. Bien)
    "Mäander", Kunstraum Sterngasse, Nürnberg
(mit S. Harrington)
    Labyrinthe, Caritas-Krankenhaus St. Josef, Regensburg
2005   Fries Rechtsanwälte, Bamberg
    "vorwiegend heiter", Dizzy`s Galerie, Nürnberg (mit Roland Beck)
    "Labyrinthe", Eckstein – Haus der ev-luth. Kirche, Nürnberg
2006   Layers and Allusions, Universität of Dallas,TX, Haggerty Gallery (mit R.Lange)
    KIK 5, -04- Klinikum Nürnberg Nord,Med.Klinik 5, (mit Rainer Funk)
   

DIGITALIS PURPUREA : Städtische Museen und Kunstverein Schweinfurt (K)

2007   DIGITALIS PURPUREA : Schloß Almoshof, Nürnberg, Kunstverein Coburg
    William Campbell Contemporary Art, Fort Worth,TX
    Gallery MASON MURER Fine Art, Atlanta,GA
2008   Galerie Seeling, Fürth "Spiegellichter"
2009   "Spiegellichter", Kreisgalerie Mellrichstadt
ZF Sachs, Schweinfurt
2010   OPEN SKY Galerie der Sparkasse Ostunterfranken, Haßfurt
2011   William Campbell Contemporary Art, Fort Worth, TX, Allison Beadles Fine Art, Carbondale, Colorado
2012   Galerie Maria Kreuzer, Amorbach
2015   Spielfeld, event galerie, Schweinfurt
2016   Spielfeld, Galleria Del Carbone, Ferrara, Italien
    Aryballoi, Neue Galerie Kunstverein, Erlangen
2017   Auferstehungskirche Fürth: Glaube, Liebe, Hoffnung
2019   Diakonie Bayern, Geschäftsstelle Nürnberg: Spiegelneuronen
    Kreis Galerie Nürnberg: Franz_Gipfelglück
    Schloß Oberschwappach: Joachim Kersten - Hubertus Hess; Malerei - Skulptur
     
    Gruppenausstellungen / Auswahl
   
1983   Kunstverein, Bayreuth
1985   Sechs Maler, Städt. Sammlungen Schweinfurt
1987   Nürnberg in Glasgow, McLellan Galleries
    Kunstverein Erlangen
1988   Consument-Art, Nürnberg
1989   Raus, Absolventen der Kunstakademie, Nürnberg
    Fränkische Kunst '89, Krakau (Polen), Gera, Nürnberg, Skopje (Mazedonien)
    Gruppe Schweinfurter Künstler, Altes Rathaus, Schweinfurt
1990/92   ART Nürnberg
1993   Kunstverein Erlangen
    KunstRaum Franken, Nürnberg
    DIN - Art, Interim-Galerie, Nürnberg
1995   Schitag AG, Nürnberg
1996   Galerie Neue Kunst, Amberg
    Kunsthalle Zellingen
    "everybody's darling", Kunsthaus Nürnberg
1997   KunstRaum Franken, Nürnberg, Skopje (Mazedonien)
1998   Bayerische Kunst unserer Tage, Bratislava (Slovakei)
1999   Kunsthaus Nürnberg (mit C. Endres, A. Haberbosch,
U. Schein)
    marquardt Ausstellungen, München: "Gelb, Rot, Blau"
2000   Galerie für Zeitkunst, A.Grimm-Beickert, Bamberg "Auftakt", "Heimspiel"
2001   marquardt Ausstellungen, München: "Die Farbe Weiss"
2002   Galerie in Zabo, Dizzy Nürnberger, Nürnberg: "divers - optimal"
    Galerie für Zeitkunst, A. Grimm-Beickert, Bamberg:"BlaueBilder"
2003   Spring Gallery Night, W.Campbell Contemp.Art Fort Worth,TX
    Festival Art on the Ages Edge, Kharkiv (Ukraine)
    "Abstraction or Search of Regularity"
    positionen + tendenzen Kunst in Franken 2003, Nürnberg, Fürth, Erlangen
2004   KUNSTPLATZ Sigmundstraße, Nürnberg
2006   man-i-fest , William Campbell Contemp.Art Fort Worth,TX
    "Tod" Eckstein, Haus der ev.-luth.Kirche, Nürnberg
2008   Art Santa Fe, USA mit William Campbell Contemp.Art
    KIK off, Abschlußausstellung, Klinikum Nürnberg Nord
    "Glück", Gustav-Adolf-Kirche, Nürnberg Lichtenhof
2009   KUK, Caritas Krankenhaus St. Josef, RegensburgStadt(ver)führungen, Nürnberg
Art Santa Fe, USA, mit William Campbell
Contemporary Art
2012   Ten Years Later, mit Thomas Egerer, Roger Libesch,
Wolf Sakowski, Ralf Siegemund
Kunstmühle Mürsbach
2013   Fünfraumzeit, Otyam Galerie, Antalya, Türkei
2014   Pentode, Neuer Kunstverein Worpswede
    vier; Nürnberger Haus u. Deutsches General Konsulat Krakau, Polen
2015   Kleintierhandlung; Galerina Steiner, Berlin
2016   lights & liquids; Kunstmuseum Erlangen
   
    Sammlungen / Auswahl
     
    Staatsgemälde Sammlung, München
    Museen und Galerien der Stadt Schweinfurt
    Bezirk Mittelfranken, Ansbach
    Staatliches Landbauamt, Nürnberg
    Bezirksfinanzdirektion, Nürnberg
    Deutsche Telekom AG, München
    Industrie- und Handelskammer, Nürnberg
    Texas Christian University, Fort Worth,TX
    HypoVereinsbank, Fürth
    Sparkasse, Nürnberg
    SchmidtBank Zentrale, Hof/Saale
    KPMG, Bayerische Treuhandgesellschaft AG, Nürnberg
    De Te Immobilien, Nürnberg
    Universa Versicherungen, Nürnberg
    Artothek, Nürnberg
    Caritas Krankenhaus St. Josef, Regensburg
     
    und weitere Sammlungen in Deutschland, Frankreich, Polen, Österreich, USA

 

Texte

Joachim Kersten: "Franz – Gipfelglück"
Kreis-Galerie am Germanischen Nationalmuseum, Nürnberg
Ansprache zur Ausstellungseröffnung am 13. Februar 2019
von Barbara Leicht M.A.

Franz – Gipfelglück: ein ungewöhnliches Projekt, das Joachim Kersten über die drei Stockwerke der Kreis-Galerie präsentiert. Ein Projekt, das den Künstler seit einer immens langen Zeit beschäftigt (seit etwa 35 Jahren, wie er mir verriet) und innere Bilder in ihm freisetzte, die Sie heute zum ersten Mal als Installation und Gesamtkunstwerk sehen können.
In den Werken aus Rost und Pigmenten und den Schellackbildern in fließenden Farben findet sich seine typische Handschrift, für die er über Jahre hinweg bekannt geworden ist. Ungewöhnlich für Kerstens Werk und in eindrucksvoller Größe wiederum zeigt sich die dreidimensionale Arbeit "Franz" als schwarzes Objekt. Weitere plastische Werke sind die Wegkreuze, das kettenartige Gebilde sowie die blaue Arbeit im Untergeschoss.
Diese aufwändige Installation und Hängung ist nicht selbsterklärend und ich möchte zu Beginn den Text von Dr. Hans-Jürgen Stahl, einem Freund des Künstlers, vorlesen, eine fiktive Geschichte, die Auslöser und Inspirationsquelle dieser Schau ist.

 

"Jeder von uns will einmal dort hinauf", sagte Franz.  Er holte aus und schlug den schweren Eispickel mit
Kraft in die weiß gekachelte Wand. Scherben splitterten; Putz bröckelte auf den Boden. Drüben, an der Südwand (war das wirklich Süden?) bebten die schon freigelegten Armierungen.
"Das Matterhorn hat tausend Aufstiege, und mindestens einen für jeden, der ankommt". Er kniete sich auf den Hocker, um noch etwas höher hinaufzureichen. Doch er drehte sich um zu mir: "Das Äußere, weißt Du, ist immer das Grundsätzliche".  Ich mußte lächeln -  wie ernst er das sagte inmitten dieser Trümmer. "Aber es gilt allein gar nichts, es hat überhaupt keinen Wert". Jetzt wieder ein Hieb oben knapp unter den Deckenansatz. "Es existiert nicht einmal. Erst wenn Du ihn angehst, dann wird der Berg wahr".
Draußen schepperten die Handkarren mit Bettgeschirren über die Flure.  "Genug für heute", sagte Franz. 
"Tu sais, pour y monter il faut bien savoir les joies, et surtout l´enfer". Alberner Kerl dachte ich und wir
lachten über uns aus vollem Halse.                                                        
                                            Dr. Hans-Jürgen Stahl

 

Du weißt, um hier heraufzusteigen, muss man die Freuden und die Hölle gut kennen.

Sie werden zugeben, dieser Text setzt ein Kopfkino frei.
Hans-Jürgen Stahl verfasste ihn im Jahr 1991 zusammen mit dem Vorwort für den Debutantenkatalog Joachim Kerstens. Während seines Stipendiums 1993 an der Bemis Foundation in Omaha, USA entstanden erste Gemälde zu diesem Thema.
Vor rund zehn Jahren regte der Zufallsfund eines Scheunentors Kersten zum Projekt "Franz – Gipfelglück" an. Zunächst lagerten dessen Teile fünf Jahre in einer Garage. Nach etlichen Vorstudien entstand hieraus schließlich die einen schwarzen Berg visualisierende Installation.


Joachim Kersten entführt uns in seine Phantasie, die auf der Geschichte jenes Franz aufsetzt, der in seiner Zelle eine riesige Felswand sieht und diese immer wieder erklimmen will.
Der Künstler bricht die Zwangsvorstellung des erdachten Patienten, der in einer psychiatrischen Einrichtung verbracht ist, auf und eröffnet zunächst sich und nun uns einen anderen Blick auf das Glück, das wie wir wissen vielerlei Gestalt haben kann und für jeden von uns subjektiv und individuell ist.
Das Gipfelglück via Bergsteigen steht als eine pars pro toto für die verschiedensten Aspekte der Glücksmomente im Leben, in denen wir froh sind, in denen unsere Sinne positive Reize erfahren. Sind wir schließlich erfolgreich am Ziel angelangt, erkennen wir, wofür sich unsere Mühe gelohnt hat. Dies sind jene Momente, die das hinter uns lassen, was anstrengend war. Nach dem Glücksgefühl hegen wir schöne Erinnerungen.
Vorher und nachher, schwarz und weiß, die Flüchtigkeit jener Augenblicke. Glück kann man nicht festhalten. Erfolg und Zufriedenheit machen glücklich, wollen aber stets erarbeitet werden.
Der Hintergrund des Gipfelglücks ist also die fiktive Erzählung über einen psychisch gestörten Menschen, der möglicherweise wegen Schizophrenie in einer Zelle sitzt, sich im Wahn vorstellt einen Berg erklimmen zu wollen – eine steile Felswand mit höchstem Schwierigkeitsgrad, vielleicht vereist. Nur mit Pickeln ist das Gipfelglück zu erlangen. Es ist anstrengend, es kostet Kraft und der Berg muss bezwungen werden, "weil er da ist", so George Mallory, der britische Bergsteiger, bei dem man vermutet, er könne den Mount Everest 1924 als Erster bestiegen haben. Der Weg zum Gipfel kann schon Glück bedeuten und den Gipfel zu erreichen, mag dann wohl das ultimative Glück sein. Und nur durch Reden findet man keine Realität. Das sich Bemühen erst macht den Berg wahr – dann, wenn man ihn angeht.
In den Bildern seiner Sisyphos-Serie stellte Joachim Kersten diese Mühen wiederkehrend dar. Die Situation, in der ein Künstler sich am Rande eines Existenzminimums mit Selbstzweifeln plagt und sich täglich aufrafft, um neue Bilder zu gestalten, ist mit der des heldenhaften Sisyphos vergleichbar, der unendlich weiterkämpft und täglich – so sein gottgewolltes Schicksal – den Felsbrocken bergauf rollt. Immer und immer wieder.
Exerzitien eines Menschen, der nicht aufgeben will, sich seinem Los fügt und unaufhörlich weitermacht. Besessen vom Tun und im Falle des Künstlers, überzeugt, es irgendwie zu schaffen und dennoch oft mit sich selbst hadernd. Der Anspruch, weiterzumachen und zu kämpfen, den sowohl Held als auch Künstler haben, zeichnet beide aus. Die Spannung will nicht enden und ihr Irrsinn mag für den einen wie den anderen abstrus anmuten.

Der von der Form mittelalterlicher Flügelaltäre inspirierte 4,70 m hohe Aufbau des schwarzen Bergs ist ein Zitat für die kalten, rauen Felsen eines realen Gebirgsmassivs, Jahrmillionen alt, durch die immensen Kräfte der Plattentektonik aufgefaltet und seit Menschengedenken landschaftsprägend und vielfach unüberwindbar scheinend.
Die Mühe und das Glück, sich immer wieder an ein in zunächst unerreichbar scheinender Höhe befindliches Ziel (den Gipfel) heranzuwagen. Immer wieder kreuzen sich Realität und Imagination einer Tätigkeit. Immer wieder wiederholen sich Vorgänge im Leben, immer wieder ertappt man sich bei den gleichen Gedanken und bei Déjà-vus.
Der Philosoph und Theologe Søren Kierkegaard meinte hierzu:
"Erinnerung und Wiederholung sind die gleiche Bewegung, nur in entgegengesetzter Richtung; denn dasjenige, woran man sich erinnert, ist gewesen, wird rückwärts wiederholt, während die eigentliche Wiederholung eine Erinnerung in vorwärtiger Richtung ist."


Kersten baut keinen Boulder-Felsen, die weißen Hämmerchen sind keine Griffmulden.
Sie sind mit Hammerköpfen nach oben genauso wie nach unten an dünnen Drähten aufgehängt und völlig funktionslos. Der Aberwitz der vielen Hämmer, Bilder des ewigen Hinauf- und Hinuntergehens, des Vorausblickens und des Erinnerns. Ganz dort oben ein ganz schmaler, kippeliger Grat des Erfolgs, der Gipfel – unwichtig – denn die strahlendweißen Gipshämmer (keine Bergsteigerhämmer im Übrigen, sondern Maurerhämmer), wohlausgewogen platziert im Bildgeschehen, ziehen all unsere Blicke an.
Die Unendlichkeit der Wiederholung drückt Kersten auch in den Materialien aus. Für den Anstrich der Gipfelinstallation verwendet er schwarzes Strahlgut aus einer Eisengießerei, das aus einem feinen Gemisch von Sand und Eisenspänen besteht. Es findet sich in den meisten hier ausgestellten Bildern. Dieses Material ist rau, ist scharf, kann rosten. Es drückt in der Ikonografie des Künstlers einen nicht enden wollenden Oxidationsprozess aus und geht gut mit den Inhalten um das unendliche Bezwingen des Bergs, sprich der Selbstmotivation des Künstlers einher.
Der Rostanstrich erscheint zudem auf konstruktiven, recht futuristisch anmutenden Wegzeichen, kleinen Plastiken, die der Orientierung beim imaginären Weg zum Gipfelglück und zurück dienen sollen. Oben auf der Empore dann das kettenartige Objekt, an einen Rosenkranz erinnernd, fünf Meter lang, ein riesiges Komboloi, als Glücksbringer, als Objekt der Kontemplation in religiösem Kontext. Im Untergeschoss die gleißend blaue Plastik, eine bergartige Anmutung, eine Madonna vielleicht? Das Blau als transzendente Farbe für Unerreichbares, vielleicht auch als Hinweis auf Gott.
All die Bilder rein aus Schellack mit leuchtkräftigen Pigmenten oder/ und mit Spuren des oxidierenden Eisensands entgrenzen die Dinghaftigkeit der Realität und erweitern den Blick in Ungewisses, jedoch Unbedenkliches.
Der Künstler Joachim Kersten mag vielleicht auch unsere Gedanken um das persönliche Glück begleiten und dessen Davor und Danach mit einer komplexen, sicher außergewöhnlichen Schau, mit kleinen und großen Bildern, Objekten und einer Installation, angefüllt mit vielen Aspekten, vorbereitet letztlich über Jahrzehnte, in denen er permanent Werke schuf und sich stringent am Rande der Gegenständlichkeit in freiem Ausdruck, auf hohem koloristischen Niveau und in eigenständiger Bildsprache zu äußern vermochte.
Lieber Joachim, so möge dies weitergehen.
Ich schließe mit einem Zitat wiederum von Søren Kierkegaard:
"Die Unendlichkeit und das Ewige sind das einzig Gewisse."

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Open Sky
Ausstellung mit Arbeiten von Joachim Kersten
in der Sparkasse Haßfurt

Vernissage am 15. Juni 2010, 19 Uhr

Für diese Ausstellung unter dem Titel "Open Sky" hat Joachim Kersten Arbeiten aus verschiedenen Werkzyklen der letzten acht Jahre zusammengestellt, großformatige Leinwände und eine Reihe von kleineren Papierarbeiten, darunter auch einige aus jüngster Zeit, die in Fort Worth in Texas entstanden sind, wo der Maler abwechselnd mit Nürnberg seit einigen Jahren wohnt und arbeitet. Hier lässt sich also besichtigen, wo Kersten auf seiner Reise zu den Sternen angelangt ist. Und wir können überprüfen, inwieweit sich "Open Sky" als Leitbegriff eines freien, künstlerischen Selbstverständnisses lesen lässt, das mit gelinder Hybris an nichts weniger als am offenen Himmel Maß zu nehmen gewillt ist.

Versuchen wir uns diesen Arbeiten zunächst einmal schlicht re-gistrierend zu nähern.

Der allererste Eindruck, den sie hervorrufen, ist noch allemal der einer überaus vitalen Farbigkeit, ja einer opulenten Farbenpracht. Virtuose Akkorde aus Gelb-, Orange- und Rottönen dominieren viele Arbeiten in immer neuen Brechungen und Variationen, dazwischen flammt hier ein irisierendes Grün, dort ein kantig auftrotzendes Nachtblau auf, verschiedentlich schwimmt uns ein mal teeriges, mal glasiges Schellack-Braun entgegen.

So kraftvoll und energisch sie auch alle daherzukommen scheinen, diese Farben, so feinst gewebt, ja geradezu fragil und skrupulös sind sie doch en detail zusammengesetzt, als ginge es darum, in ihnen immer auch zugleich ihren colorischen Widerpart oder gleich die ganze komplexe Vielfalt ihrer kombinatorischen Möglichkeiten anklingen zu lassen, sie gewissermaßen sicht- und nachvollziehbar auf mögliche Resonanzfelder hin abzuklopfen, bis sich vor den kritischen Augen des Malers schlussendlich der einzig stimmige Farbakkord einstellt.

Wer die Bilder im Original vor Augen hat, ist eindeutig im Vorteil. Er kann näher herantreten, seine Nase tief in die Bilder stecken und dabei erkennen, dass all diese Farbflächen alles andere als homogen sind. Kein Farbton lebt, existiert und leuchtet hier nur aus sich selbst, alles changiert in fein nuancierten Ab- und Kontertönungen, in multiplen Schichtungen und Untermischungen, die gelegentlich noch einen ausholenden Pinselgestus erkennen lassen, weitaus häufiger aber Zeugnis ablegen für das geduldige Wechselspiel aus wiederholtem Auftragen und Wegnehmen, Verstärken und Abschwächen, aus dem heraus Joachim Kersten in konzentrierter, stratigraphischer,gewissermaßen kontra-archäologischer Arbeit seine Farblandschaften entwickelt. Diese Arbeitsweise hinterlässt ihre Spuren und ihre subtilen Wirkungen. Hier ist Zeit im sprich-wörtlichen wie im übertragenen Sinne in eine Tiefe des Raumes transformiert, aus der es gerne einmal wie von ferne konträrsuggestiv schimmert.

Wenn man ohnehin nahegekommen ist, lohnt sich ein Blick auf ein weiteres Charakteristikum Kerstenscher Malerei: Den plastisch präparierten Untergrund, auf dem sich alles Farbenspiel ereignet. Joachim Kersten bindet Strahlsand mit Acryl und bringt damit noch vor dem Farbauftrag flache Landschaftsreliefs auf seinen Leinwänden auf, denen er, wenn es ihm dann doch zu bunt wird, auch einmal mit der Flex wieder verdünnisierend zu Leibe rückt, um anschließend bei Bedarf dann doch eine zweite oder auch noch eine dritte Lage aufzutragen. So entsteht ein handgreiflicher, konkreter Plafond, der vielfache und ganz widersprüchliche Wirkung zeigt. Er verfängt und verortet die lichte Räumlichkeit der Bilder, er untermauert und unterputzt sie grundsolide und durchdringt sie zugleich leichthin, er rauht die Bilder vitalisierend auf und bringt leichter Hand eine – malerisch motivierte – zusätzliche Dimension ins Bild, die, je nach Lichteinfall, die Bilder, ihre Stofflichkeit und den Grad ihrer Transluzenz dramatisch verändert. Licht- und Schattenverläufe, Wechsel aus groben und feinen Konturen heben
und dämpfen Bildbereiche und setzen dabei ganz eigenwillige, stets neue Akzente in die farbigen Landschaften. Sie begrenzen den Bildraum in der Tiefe, brechen ihn zugleich durchdringend auf und formen ihn dabei um. Sie akzentuieren einerseits jede winzige Parzelle und sorgen gleichzeitig in der großen Fläche für ebenmäßigen Halt und Grund.

Ein Weiteres sei erwähnt: Das Wechselspiel von spiegelglänzenden und stumpfen, planen und erhabenen, verschiedentlich wie von beißender Säure erodierten Figuren, das Kersten mit einer speziellen Verarbeitung diverser Schellack-Harze in seine Werke einfügt. Auch sie multiplizieren die Bildwirkung. Wo eben aus der Ferne noch ein bestimmtes Muster aus Lichtreflexen vorherrscht, leuchtet schon zwei Schritte weiter ein ganz anderes auf und verändert so den gesamten Bildeindruck.

Joachim Kersten versteht es, die Ausbeutung aller verfügbaren malerischen Mittel ebenso subtil wie konsequent auf die Spitze zu treiben. Hier feuert Malerei aus allen Rohren. Diese Arbeiten in nur einem Licht, nur aus einem Blickwinkel gesehen zu haben, heißt daher schlicht, sie nicht gesehen zu haben. Jeder Fotograf verzweifelt an dieser Multiperspektivik der Kerstenschen Malerei. Daher nochmals: Wer das Glück hat, Originale vor die Augen zu bekommen, mache davon rege Gebrauch.

All das, was wir bislang isolierend betrachtet haben, Farben, Texturen, Profilierungen, unterliegt in Joachim Kerstens Malerei nun ganz offenkundig einem auf elementare Grundprinzipien zurückgreifenden, diese aber vielfältig variierenden Raumplan, einer klaren, inneren Ordnung. Der wohlbedacht geteilte, oftmals streifig vertikal oder horizontal geschichtete Bildraum, die dabei häufig anzutreffende Hell-Dunkel-Kontrapunktik, die mal quer, mal hochkant, mal herrisch, mal filigran ins Bild ragenden Balken, Streben und Linien, die häufig schroff, manchmal auch verschwimmend gegeneinander gesetzten Flächen (aus Farbe und Oberflächentextur gleichermaßen gewonnen), auch das Spiel mit extremen oder mehrteiligen Formaten – das alles sind bestimmende Konstruktionsprinzipien in der Malerei Joachim Kerstens. Schlichte Gebäudeschemata gibt es freilich nicht. Die konstruktive Ordnung dient auch nirgends nur sich selbst, sondern stets übergeordneten malerischen Zwecken, der Aufladung der Bilder mit einer vitalen inneren Spannung, der Verräumlichung und Verlebendigung des Bildgeschehens. "Pulsieren statt Konstruktion, Farbklang statt Addition" hat Joachim Kersten in seinem Skizzenbuch dazu notiert und damit das für ihn Wesentliche knapp benannt.

In diese fein gefügten virtuellen Räume, die Kersten mit anscheindend nie erlahmender Kraft wieder und wieder (und dabei immer neu) erbaut, sind verschiedentlich Figuren gestellt, wie frei schwebende Organismen in sie hineinverwoben oder aus ihnen erwachsend, "Arabesken" gleich (um einen einst gern von ihm verwendeten Titelterminus zu benutzen), Bruchstücke womöglich floraler oder botanischer Provenienz, manchmal in geradezu körperlicher Andeutung, die, ohne die Bilder ernsthaft zu vergegenständlichen, doch als Reminiszenzen an eine äußere Natur lesbar sind, Haltepunkte für das streifende Auge, ein anamnestischer Widerschein einer dinghaften Außenwelt, doch dabei stets vorrangig von ihrer formalen Qualität im Bildganzen bestimmt. Im dem mit "Labyrinthe" überschriebenen Werkzyklus erscheinen runde Figuren in gedrängten Scharen und vielgestaltigen Aufzügen. Es sind hier durchweg aus der prinzipiellen Grundform von Kreis und Oval entwickelte, zu eingedellten Tropfen, Amphoren, Gefäßen permutierende Gebilde, die Kersten vor uns ausbreitet wie pretiöse, um nicht zu sagen kapriziöse, womöglich sogar maligne, jedenfalls mit einem verstörenden Eigenleben ausgestattete Archivalien, wie unter dem Mikroskop aus ihrer winzigen, fremden Welt ins durchscheinende Licht gezerrte zelluläre Organismen. Sie interagieren im diffusen Raum, frei neben-, hinter- und gegeneinander, manchmal auch durch Linien wie in einem fahle Sicherheiten spendenden Flussdiagramm in einer haltlos-hilflos scheinenden Ordnung aneinander gekettet – oder wäre es zutreffender, mit Blick auf den offenen Himmel von pulsierenden meteoritischen Himmelskörpern zu reden, Brocken aus Eis und Stein, die kalt und majestätisch ihre Bahnen ziehen?

Wie dem auch sei: In seinen besten Arbeiten gelingt es Joachim Kersten mühelos, einen Grad an malerischer Differenziertheit, Verlebendigung und Verdichtung zu erreichen, der es dem Betrachter gestattet, in ihnen in einem Moment höchst konzentrierter Wahrnehmung zu verweilen und von ihnen aus zu immer wieder neuen Aus- und Einblicken zu gelangen. Wenn man weiß, dass hochmittelalterliche Malerei und Illuminatorenkunst einer der speisenden Fixsterne am Kerstenschen Malerhimmel ist, so wird man nicht fehlgehen, in seinen bei aller Abstraktion hoch emotionalen und, wie ich persönlich finde, ausgesprochen (innen)welthaltigen Arbeiten säkulare Andachtsbilder zu sehen. Andacht, einmal ganz ohne religiösen Beigeschmack genommen, also attentio – die geistige Sammlung auf einen Gegenstand hin – wäre demnach auch der einzig richtige Modus, um ihnen zu begegnen. Diese Bilder wollen geduldig ergangen und ersehen sein. Sie lassen sich nicht im Vorübergehen erfassen und schon gar nicht erschöpfen. Am besten sollte man mit ihnen leben.

Dr. Hans-Jürgen Stahl, Kist

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Katalog Digitalis purpurea  2006

Wenn im Hochsommer der Rote Fingerhut in Lichtungen, an Waldrändern oder kultiviert, auch in Gärten blüht, faszinieren die hochwachsenden Blumen wegen ihrer üppigen Blütentrauben nicht nur die Kenner der heimischen Flora. Doch beim Anblick der außergewöhnlichen Pflanzen schwingt immer das Wissen um ihren janusköpfigen Charakter mit. Digitalis purpurea ist ein toxisches Gewächs und somit Gift- aber auch Heilpflanze, denn ihre Wirkung steht in direkter Abhängigkeit zur Dosierung.

Der im bayerischen Nürnberg und texanischen Fort Worth lebende und arbeitende Künstler Joachim Kersten hat den botanischen Namen des Roten Fingerhuts als Titel für seine Ausstellungssequenz gewählt, in der Arbeiten aus verschiedenen Werkgruppen der letzten Jahre gezeigt werden. Wie weit die Ambivalenz der Natur hier die Brücke zu den künstlerischen Arbeiten schlägt, der Titel der Ausstellung eine Allegorie für die Intention der gezeigten Objekte ist, mag die Auseinandersetzung mit ihnen und die daraus resultierende Wechselwirkung zeigen.

Die Ausstellungsreihe nimmt ihren Auftakt in Schweinfurt, das nicht nur auf Grund seines ehemaligen reichsstädtischen Status historisch mit Nürnberg verbunden ist. Ich freue mich, dass zu Beginn des kommenden Jahres die Ausstellung dann auch im Schloss Almoshof gezeigt werden kann. Dieser Ausstellungsort wird der Renaissancehalle des Alten Rathauses in Schweinfurt nicht nachstehen.

Dass - nach der Ausstellung in Coburg - die nächsten beiden Stationen des Ausstellungszyklus in den Vereinigten Staaten von Amerika liegen, ist eine herausragende Besonderheit. In Fort Worth, dem Wahlheimatort des Künstlers, und in Atlanta, der Partnerstadt Nürnbergs, werden die Arbeiten von Joachim Kersten im Anschluss zu sehen sein. Damit wird der Künstler und seine Exponate zum Botschafter unserer Stadt. Gerade ein solcher Austausch wird sicher stellen, dass der kulturelle Austausch mit unserer Partnerstadt hierdurch einen deutlichen Akzent erhält.

Ich danke Joachim Kersten für seine Funktion als Kulturbotschafter ebenso wie allen anderen vor unter hinter den Kulissen, die sowohl in unserem Land wie auch in den USA diese Präsentationen bewerkstelligen. Der Ausstellungsreihe selbst wünsche ich die ihr gebührenden Resonanz beim Publikum.

Prof. Dr. Julia Lehner, Kulturreferentin der Stadt Nürnberg, 2006